Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so laßt uns festhalten an dem Bekenntnis. (Hebräerbrief 4, 14)

Liebe Gemeinde, liebe Leser!

Mit dem diesjährigen Reformationsfest beginnt das 500jährige Reformationsjubiläum, das unter der ökumenischen Überschrift „gemeinsam frei“ ganz groß über das Jahr 2017 gefeiert werden soll. Der Überlieferung nach soll Dr. Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen als Diskussionsgrundlage gegen die Praxis des Ablasshandels an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben. Das Datum wurde zumindest gut 150 Jahre später vom Kurfürst Johann Georg II. von Sachsen auf den 31. Oktober als Gedächtnistermin für alle Protestanten einheitlich festgesetzt. Seither wird der Tag als Auftakt einer Bewegung gefeiert, welche die Kirche und die Gesellschaft bis heute grundlegend veränderte.

Allerdings lassen sich nicht alle heute vorfindliche Veränderungen und Neuerungen in Kirche und Gesellschaft tatsächlich auf die lutherische Reformation zurückführen, und erst recht nicht mit ihr als richtig und gut begründen. Denn der Begriff Reformation meint – im Sinne des Lutherischen Bekenntnisses – keine NEU-Formierung von Kirche und ihrer Lehre mit dem Anspruch, etwas neu oder besser als vorher zu machen. Vielmehr bedeutet Reformation eine RE-Formierung der Kirche, also die Rückkehr zu ihrer ursprünglichen Aufstellung und Form.

Dr. Martin Luther war kein Besserwisser und kein Revolutionär. Wenn er von RE-Formation sprach, dann wollte er keine Strukturveränderungen und erst recht keine Kirchenspaltung, sondern die entschiedene Kehrtwendung zu Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen Herrn der Kirche. Das Evangelium von der Vergebung der Sünden, als Geschenk der Gnade Gottes um Christi Willen, wird leider immer wieder durch menschliches Misstrauen gegen Gott und dem Wunsch nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit, mit menschlichen Vorstellungen überlagert und verdreht. Verkrampfte und selbstverliebte Frömmigkeit, die die Gewissheit des Heils im Tun selbsterdachter Werke sucht oder aber hemmungs- und rücksichtslos ausgelebte Freiheit und Selbstbestimmung, die jegliche Grenzen und Maßstäbe ignoriert und sich in der Beliebigkeit verliert, sind die Folgen. Das war damals so und ist heute nicht anders.

Doch heißt es in der ersten der 95 Thesen, „dass das ganze Leben eines Christen eine Buße sei“, eine entschlossene Kehrtwende zum Herrn der Kirche, und zwar täglich. Die Kirche in der Welt und ihre Glieder leben aus der ständigen Vergebung, die nur durch Christus immer wieder ausgeteilt wird. Die Freiheit, die durchs Evangelium kommt, ist nur durch und mit Christus zu haben. Frei bleiben wir auch nur, indem wir in ständiger Verbindung zu ihm bleiben und vor allem hören und gelten lassen, was er uns sagt. Nur im beständigen Hinhören und Gelten lassen des Wortes Gottes geschieht tägliche RE-Formation. Das ist der Ursprung, zu dem Luther zurückführen wollte. Eine Spaltung der Kirche war nie seine Absicht.

Solche RE-Formation geschieht auch heute noch, wo wir uns fortwährend auf unsere christlichen Wurzeln besinnen und an Gottes Wort orientieren. Genau das hat sich damals im Lutherischen Bekenntnis niedergeschlagen, an dem wir auch deshalb weiterhin festhalten, weil es sich aus dem Wort Gottes ableitet und dies sachgerecht auslegt. So feiern wir zum 500jährigen Reformationsjubiläum nicht den 500. Geburtstag oder das Jubiläum der Entstehung der lutherischen Kirche – auch nicht Dr. Martin Luther – sondern das Lutherische Bekenntnis.

Das Lutherische Bekenntnis will zum Verständnis der Heiligen Schrift anleiten und seine niedergelegten Aussagen wiederum an der Heiligen Schrift bewähren. Die Heilige Schrift, die Bibel, ist nicht aus formalen Gründen die alleinige Quelle für den christlichen Glauben, sondern wegen ihres Inhalts. Allein Christus ist mit seinem Kommen in die Welt, seinem Leben, Sterben und Auferstehen der Grund für die uns von Gott geschenkte Gerechtigkeit. „Nimm Christus aus der Schrift – was bleibt dir noch?“, fragte Dr. Martin Luther einmal. Die Christenheit erkennt in Jesus Gott selbst, der Mensch wurde und dessen Tod und Auferweckung die Menschen von der Macht der Sünde und des Todes befreit – auch heute noch.

Dies aber erkennen wir nicht durch unsere frommen Gefühle oder  unser intensives Nachdenken und Forschen. Sondern, dass wir Sünder sind und in Christus erlöst werden, das muss uns gesagt werden. Allein durch Gottes Wort gelangen Menschen zu dieser Einsicht und zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. So ist dieses Wort noch weit mehr als die Bibel als bloßes Buch. Gottes Wort beinhaltet die mündliche Verkündigung, die Weitergabe der alten Wahrheiten in unser heutiges Leben, die lebendige Stimme des Evangeliums.

Dieses Wort kann man sagen und hören – und wir sollen es auch verstehen. Deshalb hat Dr. Martin Luther ja auch die Bibel ins Deutsche übersetzt und der Predigt im Gottesdienst mehr Raum geschaffen. Aber dieses verkündigte Wort Gottes zielt nicht einzig auf unseren Verstand. Vielmehr wird der wesentliche Inhalt – Christus ist mein Retter, Bruder und Herr – allein durch den Glauben ergriffen und im Bekenntnis ausgedrückt und festgehalten.

Nicht unsere Werke und nicht unsere Mitwirkung an einer Weltverbesserung Gottes, sondern nur unser Vertrauen auf Christus allein bahnt uns den Weg in die Ewigkeit und lässt uns hier schon als Erlöste und freie Kinder Gottes leben. „Schrift und Bekenntnis“, „Allein die Schrift“, „Allein Christus“, „Allein durch das Wort“, „Allein durch den Glauben“ – das ist der Zusammenklang einer zeitlos gültigen RE-Formation, die uns Christen auf die einzige Quelle unseres Glaubens (die Schrift) und den einzigen Grund unseres Glaubens (Christus) hinweist und bekennt.

Dies gilt es mit Gewissheit und ohne Scheu in der Welt und auch im ökumenischen Kontext einzutragen und zu bekennen. Wir sollten uns fragen, mit wieviel Mut zum Bekenntnis und mit wieviel Überzeugungskraft wir heutzutage in die Diskussionen und Entscheidungsprozesse einer säkularisierten Welt gehen, anstatt die Väter der Reformation zu kritisieren. Denn im Gegensatz zu ihnen stehen wir noch in der Bewährung, das gesellschaftliche, kulturelle und geistliche Leben unserer Zeit, mutig und treu zum Lutherischen Bekenntnis der RE-Formation mitzugestalten. Möge Gott uns die Kraft schenken, unseren Glauben mit Christus zu leben, und wie die geistlichen Väter und Mütter unserer Lutherischen Kirche, den Mut, DEN zu bekennen, der uns allein wahre Freiheit schenkt.

Eine beständige RE-Formation des Glaubens, also immer wiederkehrendes Festmachen an Jesus Christus, als Grund und Halt unserer christlichen Freiheit und Erlösung und die Kraft, diesen auch weiterhin mutig in der Welt zu bekennen, wünscht Ihnen / Euch

Ihr / Euer Pfr. Tino Bahl